Verwirrende Olivetti Praxis

  • Hallo, und jetzt gehen wir in die Praxis. Nicht bei den Doktor, sondern wir schauen mal, was Olivetti praktisches zum Schreiben hatte. Teil 1 befasst sich mit der Praxis, ich nenne sie mal Generation 2. Generation 1, Generation 3 und 4 zeige ich später. Verwirrend.


    Diese Generation 2 nenne ich jetzt einfach mal so, weil all diese elektronischen Schreibmaschinen bis auf Details, dazu auch gleich mehr, auf dem selben Druckwerk basieren. Die ersten beiden dieser Kofferschreibmaschinen erschienen schon 1980. Olivetti hatte mit der TES 401 und ET 101 bereits 1978 die ersten großen elektronischen Typenradschreibmaschinen der Welt eingeführt, rückte 1979 mit der ET 201 und ET 221 mit der zweiten Generation Büroschreibmaschinen nach, und 1980 brachte man eben die ersten elektronischen Typenrad-Reiseschreibmaschinen auf den Markt. Währenddessen müssen sich Olympia und Triumph-Adler auf der Hannover-Messe gestritten haben, wer den von den beiden nun mit der ersten Typennradschreibmaschine auf dem Weltmarkt waren, sie Spätzünder bemerkten nicht, dass da die Italiener schon ihre dritte Modellreihe da hatten, die Praxis Serie für den ambitionierten Heim- und Unterwegs-Schreiber. Um diese geht es hier, der Stapel im ersten Bild ist unser "Arbeitsvorrat" für Heute.


    Also, 1980, Olivetti stellt die Praxis 30 und 35 vor. Die 30er ist mein zweiter heutiger Neuzugang, neben der Valentine. Sie vervollständigt meine Sammlung der Maschinen mit dem Praxis-30-Druckwerk. Und ganz ehrlich, obwohl ich damls als Azubi bei Olivetti in Frankfurt beinahe täglich Schreibmaschinen aus der Praxis-Serie repariert habe, eine Praxis 30 bekam ich damals nie zu Gesicht, dieses einfachere Urmodell ist zumindestens in Deutschland recht selten. Das ist in der Tat die erste Praxis 30 die ich Live und in Farbe und 3D sehe und sogar anfassen kann.


    Die Praxis 35 ist quasi baugleich zur 30er, hat aber an der Tastatur einen Schiebeschalter mehr, über den man die Schrittweite des Druckkopfs auswählen kann, welcher Luxus! Die 30er ist auf 10 Zeichen pro Zoll beschränkt, die 35 kann auch 12 und 15 Zeichen pro Zoll. Damit das sauber aussieht, muss man natürlich auch das Typenrad gegen eins mit entsprechendem Schriftbild ersetzen. Meine Praxis 35 wurde mit einem Centronics-Interface über die Tastaturmatrix erweitert, zum Drucken habe ich das aber noch nicht bewegen können, aber im Normalbetrieb, also über die Tastatur, funktionieren beide Maschinen problemlos.


    Soweit so klar, Fortsetzung von Teil 1 folgt gleich...

  • Hier nochmal ein Blick ins Druckwerk, ohne Typenrad. Man kann vier Lötpunkte sehen, da hängen vier Metallstreifen dran. Diese schleifen auf einer sogenannten Strobescheibe. Darüber werden insgesamt zwei Rechtecksignale erzeugt, die zueinander um 90° versetzt sind. Damit zählt die Maschine die Drehung des Typenrades mit, denn die Praxis 30/35 waren die ersten Maschinen, bei denen ein einfacher Gleichstrom-Elektromotor das Typenrad dreht. 200 Impulse pro Umdrehung sind präzise genug, damit das klappt. Diese Schleifkontakte sind allerdings nicht abgekapselt, Papier, Farb- und Korrekturbandabbrieb können da hinein geraten und diese Scheibe (eine geätzte Platine auf einem Pastikrahmen) verschmutzen, ein häufiger Fehler dieser beidem Maschine. Ich meine, wir hatten damals in der Lehrwerkstatt mindestens eine pro Tag da, um Strobescheibe und Schleifer auszutauschen, das waren jedes Mal rund 150 Mark Reparaturkosten.


    Um die Verwirrung etwas zu steigern. Olivetti verwirrte seine Kunden. Denn die Praxis 35 wurde miit ohne durchsichtigem Zeilenlineal und abgerundetem braunem Gehäuse in Deutschland auch als Underwood 3000 verkauft. Auch davon konnte ich ein Exemplar ergattern, was nachträglich mit einer Centronics-Schnitsttelle über die Tastaturmatrix erweitert wurde.


    Und ich bin noch mehr verwirrt, mir fehlt immer noch eine Bedienungsanleitung zur Daisy 35. Auch das ist eine Praxis 35, aber hier wurde richtig Nägel mit Köpfen gemacht, komplett neue Steuerelektronik mit den beiden Original-Chips, und über deren Tastaturmatrix hängt ein Z80-Prozessor, mti SIO, PIO und pipapo, einer seriellen Schnittstelle, Belegung und Übertragungsparameter unbekannt, einer weitereren breiten Schnittstelle (vielleicht Centronics?) und evtl. einem Kassetteninterface oder was auch immer per runder Buchse. Ich weiß nur dass die Daisy 35 von der Firma Dontenwill in München umgebaut wurde, aber dort weiß niemand mehr was über so frühe Machenschaften. Wer kann zur Entwirrung beitragen?

  • Weiter gehts mit "Generation 2" der Praxis-Serie. Und zwar jetzt für Praktiker.


    Die Praxis 40 ist eigentlich nur eine breitere Praxis 35, damit man breiteres Papier einspannen kann. Dafür hat sie keinen so schwarzen Koffer mehr, sondern eine Schutzhaube. Die sollte halt nicht mit rumgeschleppt werden. Dafür wird der Druckkopf nicht mehr von einem Stoffseil sondern von einem Drahtseill durch den Drucker gezogen, sondern durch ein Stahlseil. Außerdem wurde die elektromeschanische Strobescheibe durch eine optoelektronische Variante ersetzt. Damit sollte eigentlich das Problem mit den Strobescheiben gelöst sein. Pfeifendeckel! Schaut sie euch an. Zum einen ist sie nicht ganz Dicht und musste auf der Oberseite mit einem Klebestreifen abgedirchtet werden, damit die optolelektronik nicht von Tageslicht beeinflusst werden kann, und zum anderen verwendete man als Zuleitung zur Strobescheibe ein Flachbandkabel aus Pappe mit aufgedruckten Leiterbahnen. Ein paar Mal zu viel Typenrad tauschen und diese Leiterbahnen brachen. Die Reparaturkosten stiegen auf 250 Mark, weil die optolektronische Scheibe teurer war.


    Und es geht noch besser. Die Praxis 45D hat eine erweiterte Tastatur mit noch ein paar Funktionne mehr, sie hat erstmalig in der kleinen Klasse ein LC-Display, sogar mit Helligkeitsregelung, und man kann seitlich ein Akku-gepuffertes Speichermodul mit zwei 8 Kilobyte großen Speicherbänken M1 und M2 einstecken. Leider funktioniert meine 45d momentan nicht, der Druckkopf hängt fest, die muss ich mal zerlegen.

  • Und als ob das noch nicht verwirrend genug wäre, verwirrt uns Olivetti dann 1986 und 88 nochmal mit neuen Namen. Der Nachfolger der Praxis 45D heißt jetzt ET Compact 60. Maschinen der ET Serie sind eigentlich "die Großen", aber das hier ist weiterhin eine von den "lieben Kleinen". Einen Koffer hat sie zwar auch nicht, aber einen Rauchglasdeckel, und einen ausklappbaren Griff, was sie wieder eindeutig zu einer Koffermschine macht. Die 60er hat zwar keinen festen Speicher wie die 45, aber sie lässt sich optional mit einer seriellen oder parallelen Schnittstelle ausrüsten, ganz offiziell, nix zum Basteln. Die abgebildete Maschine ist meine eigene, die ich mir selbst damals als Azubi mit Mitarbeiterrrabat im Gebrauchtmaschinenlager selbst gekauft habe, inklusive seriellem Interface, habe mir damals dann für den Atari ST für einige Programme Druckertreiber geschrieben (u.a. 1St Word Plus, Sparrow-Text). Das war dann mein Schönschreibdrucker bis zum Einzug des ersten Tintendruckers (Canon BJ300).


    Die ET Compact 70 ist das größte Modell der Praxis-30-Reihe. Sie uterscheidet sich schon optisch von den anderen, denn inzwischen war man auch bei Olivetti zur Kenntnis gekommen, dass dunkle Büromaschinen zwar schön aussehen, aber nicht ergonomisch sind und bei direkter Sonneneinstrahlung am Fenster heiß werden können. Die 70er ist elektronisch absolut identisch mit der 60er, für die wurden aber nie Schnittstellen angeboten, sondern alternativ akku gepufferter Speicher, oder wie meine, mit einer automatischen Rechtschreibkorrektur. Ich kann mich noch erinnern, das war etwa 88, als die Maschine neu war. Da waren wir Azubis zu dritt in Frankfurt Sachsenhausen auf dem Golfplatz und bereiteten ein Pressezelt fürs große Tournier mit Langer und Co. vor, wir bauten dort mehr als 100 ET Compact 70 für die Journalisten auf, damit die dort ihre Berichte leserlich zu Papier bringen konnten. Das war ein Anblick, ein ganzes Zelt voll mit den Dingern! Auch im Fritz-Remond-Theater dmals noch in Frankfurt Dornbusch wurde so eine Maschine benutzt, da war ich einmal im Außendienst, weil mit der irgendwas war. Das war ganz dringend weil die darauf schnell für die Proben Regieanweisungen umschreiben wollten und das verfluchte Ding druckte verwirrte Zeichen!


    Immerhin, auch bei den Leuten in Ivrea gab es eine Lernkurve! Das Papp-Flachbandkabel wurde bei der 60 und 70 durch ein richtiges Kabel ersetzt. Und die passten ohne Anpassung auch in die Praxis 40 und 45D. Nur bei der 30/35 war das nicht so einfach, denn die elektromechanische Strobescheibe dort schaltete kein TTL-Signal, sondern 12V. Mir gelang damals durch Schaltplanvergleich der 30/35 mit der ansonsten fast baugleichen Praxis 40 die Platine der 45 so anzupassen, dass man die Strobescheibe der ET Compact 60 einbauen konnte. Meines Wissens wurden aber nur 2 Maschinen entsprechend umgebaut, die eine hab ich damals selbst in der Lehrwerkstatt umgebaut, das war die Maschine eines besonders tragischen Kunden, die Maschine war X mal da, immer wegen Dreck in der Strobescheibe, und von da an war Ruhe. Die andere Maschine war meine Daisy 35, die ich irgendwann lange nach meinem Weggang von Olivetti ergatterte. Ich hatte mir in weiser Vorraussicht für meine ET Compact 60 eine Strobescheibe auf Vorrat gesichert, die kam da rein, denn die Daisy zeigte die typischen Symptome: orientierungslos durchdregendes Typenrad.


    Und irgendwann gehts mal weiter mit der Praxis, einem hübsch verpackten Metallklotz, einem Traktor und den Plastikbombern!

  • [Blocked Image: http://forum.atari-home.de/index.php?action=dlattach;topic=13916.0;attach=14859]


    Das ist die Strobescheibe in der Praxis 30/35 und Underwood 3000 zur Ansteureung (Selektion) des Typenrades. Es hat 200 Einteilungen und ist wegen seiner elektromechanischen Ausführung nicht sehr zuverlässig.

  • Wusste garnicht mehr, dass ich mal den kleinen Koffermaschinen einen eigenen Thread gegönnt habe... Anlässlich eines Neuzungangs in dieser Kategorie erstmal ein paar Bilder weiterer Praxis-Maschinen, die ich schon in "Mein neuestes Etwas" eingefügt habe, damit das hier alles mal versammelt ist.


    Die Olivetti PTP 505 ist nur eine Beschriftungsvariante der Praxis 100


    Die PTP 505 mit einem Vorfahren, dem Ettore Sottsass Design Klassiker Olivetti Valentine von 1969. Aber auch die PTP 505 bzw. Praxis 100 hat ein interessantes Design, gestaltet von Mario Bellini. In eBay wird das ab und zu als "Postmodernes Design" angeboten und ist dann so teuer wie eine Valentine. Vielleicht sogar verdient? Für einen Designfan vielleicht schon, aber technisch...


    Das war bisher ein Teil aller Plastikbomber, die ich so habe. Ausnahme sind die beiden Mechanischen auf dem Bild, die Olivetti TOP 100 rechts Mitte, die von TA noch recht solide gebaut wurde, und oben links die Jetwriter 900, Ok, die ist auch ein Plastikbomber, aber andere Konstruktion auf Basis des Tintenstrahldruckers JP70. Der Rest sind alles Plastikbomber, die alle technisch auf der ET Personal 55, untere Reihe mit den gelben Walzendrehknöpfen basieren, hauptsächlich nur anderes Gehäuse. Es fehlt aber auf dem Bild die "Mittelschicht", die alle noch im Regal sind, die auf der ET Personal 56, also mit kleinem Text-Display basieren, z.B. auch die Praxis 200, PTP 506 und die ET Personal 504. Die "Oberschicht" ist durch die Studio 802 mit mehrzeiligem Display links in der Mitte vertreten. "Plastikbomber" deswegen, weil sie eben preiswert konstruiert sind, Gehäuse knarren teilweise und auch das Druckwerk besteht größtenteils aus Plastik.


    Spass muss sein...


    Die Oberklasse fast komplett: Studio 802, PTP 820 und die Top 100 (von TA entwickelt). Auch die beiden linken auf dem Bild basieren auf dem ETP55/Praxis-100 Druckwerk.


    Nochmal die Jetwriter 900 mit dem Tintendrucker. Die gabs auch als Jetwriter 910 mit Röhrenmonitor zum daneben stellen...


    Neuzugang:


    Und das? Ja was macht die hier? Hersteller = ANITECH ... ???


    Aha... Das Design ist bekannt. Das ist eine anders beschriftete Olivetti Praxis 200 bzw. PTP 506 bzw. ET Personal 56 (abweichendes Gehäusedesign in blau, grau mit gelben Walzendrehknöpfen, also die Mittelklasse der Plastikbomber. Die Anitech DT3003 strahlt ganz in weiß und ist in einem hervorragenden Zustand, kein bischen Gilb!


    Wenn man mal nach Anitech sucht, findet man eine Marke, die alles mögliche vom Stabmixer über Radiowecker bishin zu größeren Haushaltsgeräten der unteren Preisstufen vertrieben hat. Das könnte eine Hausmarke eines der inzwischen fast verschwundenen ehemals großen Versandhäusern wie Neckermann oder Quelle gewesen sein. Ich meine auch mal einen Anitech-Laserdrucker gesehen zu haben, der dem Olivetti PG 804 und dem Atari SLM 605 (TEC 1305 Druckwerk) verdammt ähnlich sah...

  • Schon toll was so ein ehemaliger Markenname offensichtlich wert ist ... ich habe vor ein paar Jahren gestaunt bzw. geärgert als ich die ersten "Grundig" Batterien auf dem Markt sah. Letztendlich doch nur normale "Chinaqualität". Der Max würde sich vermutlich im Grabe umdrehen...

    Ob allerdings "Schaub Lorenz" heute noch so ein attrktiver Markenname ist, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht bei den 70+ Generation.

  • Vollkommen off-Topic, aber (auch weil die ganz ähnliche Kofferradios gebaut haben...):


    Der Markenname "Telefunken" hat ein ähnliches Schicksal - der wird sogar zeitlich begrenzt an 30 verschiedene Hersteller und Dienstleister auf dem Elektronik/Telekommunikationsbereich vermietet, was ein sehr gutes Geschäft zu sein scheint.

  • Dann schon VzEkC e.V. bitte... das heisst ja auch Captain Sparrow :roll2:


    ...und wieso haben wir eigentlich kein Piraten-Smilie? Da muss ich mal suchen.. .

    Erfahrung ist Wissen, das wir erwerben, kurz nachdem wir es gebraucht hätten.


    Mein Netz: Acorn | Atari | Milan | Amiga | Apple IIGS | Macintosh | SUN Sparc | NeXT |SGI | IBM RS/6000 | DEC Vaxstation| Raspberry Pi | PCs mit OS/2, BeOS, Linux, AROS, Windows, BSD | Stand-alone: Apple //c | Sinclair QL | Amstrad | PDAs

  • Das e.V. steht ja nur für "eingetragener Verein" und ist - wenn ich mich nicht irre - nicht vorgeschrieben (zumindest gibt das BGB keine Abkürzung vor).


    Sehen wir das denn als Teil unserer "Marke"? Dann ist "Verein" ja doppelt.


    Mir ist auch noch nicht aufgefallen, dass das ", Inc." oder ähnliche Zusätze häufig in die jeweilige "Marke" aufgenommen sind.


    Dann sollten wir vielleicht auch erwähnen, dass wir gemeinnützig sind (falls wir es noch sind). Ist für mich viel interessanter, als die Tatsache, dass wir eingetragen sind.


    Aber genug off-topic - Vielleicht sollte ein Moderator, die Diskussion auslagern?